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18.10.2016

Molekulare Allergologie verbessert Diagnostik und Therapie von Nahrungsmittelallergien

Die Erdnuss ist ein Nahrungsmittel, das häufig schwere Allergiesymptome auslöst. (Foto: U. Jappe/FZB)

„Kann Spuren von Erdnüssen enthalten.“ ­– Diese oder ähnliche Hinweise auf Lebensmittelverpackungen gehören mittlerweile zu unserem Alltag. Und das ist auch gut so, denn viele Nahrungsmittel können bei Allergikern zum Teil lebensbedrohliche Symptome auslösen. Den Stand des Wissens zu Allergenen, die als Teil der Nahrung aufgenommen werden, stellen Prof. Dr. Uta Jappe (Forschungszentrum Borstel und Universität zu Lübeck, DZL-Standort ARCN) und Dr. Annette Kuehn (Luxembourg Institute of Health) in einem Übersichtsartikel der September-Ausgabe der Fachzeitschrift Allergologie dar.

Nicht nur die üblichen Verdächtigen lösen Nahrungsmittelallergien aus: Das Spektrum der pflanzlichen Allergene, die sehr schwere Symptome zur Folge haben können, ist breit und reicht von Baumnüssen über Hülsenfrüchte wie Erdnuss, Soja und Lupine bis zu Getreide (z. B. Weizen) und Obst wie Banane, Kiwi und Apfel. Eine ganze Reihe weiterer Pflanzen steht im Verdacht, Allergien auszulösen. Bei den tierischen Allergenquellen sind besonders Milch, Hühnerei, Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte zu nennen.

Als typische Symptome treten Störungen des Verdauungstrakts wie Erbrechen, Durchfall oder Koliken auf. Bei schweren Verläufen kann es auch zum systemweiten anaphylaktischen Schock kommen. Nahrungsmittel können – genauso wie Pollenallergene – Komplikationen der Atemwege hervorrufen: Die Schleimhäute im Mund- und Rachenraum schwellen an oder der Allergiker erleidet nach dem Genuss entsprechender Produkte einen Asthmaanfall. Manchmal reicht hierfür bereits das Öffnen einer Tüte Erdnussflips aus. Einige dieser Nahrungsmittelallergene können auch bei beruflicher Exposition Asthma auslösen – so wie beim „Bäckerasthma“.

Die Molekulare Allergologie, die im Zentrum des nun veröffentlichten Artikels steht, hat zum Ziel, Substanzen aus Nahrungsmitteln zu identifizieren und zu isolieren, die die Auslöser der Symptome sind. Diese Aufgabe ist nicht nur von akademischem Interesse: Tatsächlich kann die Kenntnis der Struktur eines Proteinallergens Rückschlüsse auf Allergene in anderen Nahrungsmitteln erlauben. Dies gilt beispielsweise für die Verwandtschaft des Bet-v-1-Allergens aus Birkenpollen mit Proteinen in Obst- und Gemüsesorten. Patienten können auf entsprechende „Kreuzreaktivitäten“ – wie zwischen Birke und Apfel – hingewiesen und getestet werden. Hier bietet die Molekulare Allergologie eine Reihe von Hilfsmitteln, um die Allergiediagnostik zu verfeinern und zu ergänzen. So können nun nicht nur Extrakte der entsprechenden Allergenquellen (z. B. Erdnüsse) eingesetzt werden, um Patienten mit Hauttests auf bestimmte Allergien zu untersuchen, sondern das auslösende Molekül selbst. Dadurch kann der behandelnde Arzt genauere Aussagen über die Art der Allergie machen, da ein Extrakt den Nachteil hat, ein Gemisch vieler potentieller Allergene zu sein, von denen möglicherweise nur eines relevant ist. Ein weiteres Problem von Extrakten besteht darin, dass bestimmte Moleküle nicht in ausreichender Menge in den für die Tests verwendeten Lösungen enthalten sind. Setzt man das Einzelallergen dagegen isoliert ein, umgeht man dieses Problem. Für Bluttests auf allergenspezifische Immunglobulin-E(IgE)-Antikörper ist die Kenntnis – und Verfügbarkeit – der einzelnen Allergene unverzichtbar.
Auch die Therapie profitiert von den neuen Erkenntnissen: Passgenaue Immuntherapien konnten entwickelt und von Ärzten eingesetzt werden, um Patienten zu desensibilisieren und die Erkrankung so zu heilen. Darüber hinaus können Allergologen ihren Patienten noch genauere Verhaltensregeln bezüglich der Aufnahme bestimmter Lebensmittel an die Hand geben. „Es ist allerdings noch viel zu tun“, sagt Prof. Dr. Uta Jappe zur eingangs erwähnten Deklaration von Allergenen auf Lebensmittelverpackungen. „Schwierig bei der Angabe von ‚Spuren‘ ist, dass dieses Wort viel zu ungenau ist. Es müsste viel exakter ausgewiesen werden, welche Menge tatsächlich enthalten ist, um einem Patienten einen Anhaltspunkt zu geben, ob er auf diese Menge allergisch reagiert – oder das Produkt problemlos essen kann.“ Auch was die Deklaration weiterer Allergene angeht, sind Politik und Wirtschaft dringend gefordert.

Weitere Informationen: Jappe U, Kuehn A, Neues zu diagnostisch relevanten Einzelallergenen aus pflanzlichen und tierischen Nahrungsmittelquellen (2016) Allergologie 38: 425-438.

 

/jbul



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