11.08.2026
Nicht-kleinzelliger Lungenkrebs: Übersehene Zellen im Tumorgewebe verraten, welche Patienten gute Heilungschancen haben
Multiplex-Immunhistochemie der Immunzellen in einem nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom. Foto: Sebastian Marwitz/FZB
Die Forschungsgruppe Histologie am Forschungszentrum Borstel hat ein einfaches, aber aussagekräftiges Zellmuster im Bindegewebe rund um den Tumor identifiziert, das wichtige Hinweise auf das Langzeitüberleben von Patientinnen und Patienten mit nicht-kleinzelligem Lungenkrebs liefert.
Für die Krebstherapie spielen hauptsächlich die Art des Tumors und seine Genetik eine Rolle, um im klinischen Alltag Ansatzpunkte für die Behandlung zu finden. Wenn darüber hinaus Immunzellen im Tumorgewebe untersucht werden, blickt die Forschung meist dorthin, wo Zellen den Tumor tatsächlich angreifen. Eine Studie unter Leitung von PD Dr. Sebastian Marwitz vom Forschungszentrum Borstel, Leibniz Lungenzentrum (FZB), weitet den Blick und zeigt: Auch diejenigen Zellen der Immunabwehr, die es nicht bis zu den Tumorzellen schaffen und stattdessen im umgebenden Bindegewebe – dem Stroma – verbleiben, tragen entscheidende Informationen über den Krankheitsverlauf.
Analyse von mehr als sechs Millionen Zellen
Für die Studie, veröffentlicht im European Journal of Cancer, wurden Gewebeproben von knapp 700 Patientinnen und Patienten mit nicht-kleinzelligem Lungenkrebs (NSCLC) aus Deutschland und Schweden untersucht. Mithilfe eines modernen bildgebenden Verfahrens, der Multiplex-Immunfluoreszenz, wurden mehr als sechs Millionen einzelne Zellen erfasst und anschließend nach Immunzelltyp und Aufenthaltsort im Gewebe klassifiziert.
Das Team fand fünf wiederkehrende Muster, wie sich Immunzellen im Stroma zusammensetzen, sowie drei unterschiedliche räumliche Anordnungen. Entscheidend war dabei nicht nur, welche und wie viele Zellen im Stroma vorhanden waren, sondern auch, wie sie zueinander angeordnet sind: Die räumliche Architektur der aus dem Tumor ausgeschlossenen Immunzellen übte einen eigenständigen, deutlich messbaren Effekt auf das Überleben aus – ein Zusammenhang, der in dieser Form bislang nicht beschrieben war. „Dies verdeutlicht, dass Erkrankungen sich komplexer verhalten, als bisher gedacht, und es nicht nur darauf ankommt, welcher Zelltyp wie häufig vorkommt, sondern eher, mit wem er eher eine Nachbarschaft eingeht. Dieser Forschungsansatz ist ein zentraler Bestandteil unserer Arbeiten am Forschungszentrum und im Deutschen Zentrum für Lungenforschung“ so Sebastian Marwitz.
Muster mit klinischer Relevanz
Die entscheidende Kombination: Patientinnen und Patienten, deren Stroma B-Zellen in hoher Dichte aufwies und bei denen Helfer-T-Zellen räumlich nah an regulatorischen T-Zellen lagen, hatten ein deutlich besseres Langzeit-Überleben.
Klinisch relevant ist vor allem, dass sich das Muster auf drei gut etablierte Marker reduzieren ließ – B-Zellen, Helfer-T-Zellen und regulatorische T-Zellen. Ein solcher Test wäre mit deutlich geringerem technischem Aufwand umsetzbar, als die in dieser Studie eingesetzten hochauflösenden Multiplex-Verfahren. Ob sich das Signatur-Muster auch bei fortgeschrittenem oder metastasiertem Lungenkrebs sowie bei Patientinnen und Patienten unter Immuntherapie bestätigt, wird nun in Folgestudien geprüft.
Erfolgreiche Forschung im DZL
Die Studie ist Teil der Forschung des Airway Research Center North (ARCN) im Deutschen Zentrum für Lungenforschung (DZL) und entstand in Zusammenarbeit mit der Universität Uppsala sowie der LungenClinic Grosshansdorf. „Unser besonderer Dank gilt allen Mitgliedern dieses internationalen Konsortiums. Die erfolgreiche Umsetzung des Projekts war nur durch die gebündelte Expertise, die enge Zusammenarbeit und das gemeinsame Engagement zahlreicher Partner möglich. Eine solche wissenschaftliche Leistung entsteht nicht im Alleingang – sie ist das Ergebnis einer starken internationalen Gemeinschaft. “, so Prof. Dr. Torsten Goldmann, Leiter der Histologie am FZB.
Quellen:
- Marwitz S, Brunnström H, Gulyas M, Botling J, Reck M, Kugler C, Elfving H, Micke P, Strell C, Goldmann T (2026) Left behind but not left alone: Excluded cell populations in the non-small cell lung cancer stroma predict superior long-term overall survival. Eur J Cancer244: 116868 Link zum Artikel
- Newsmeldung des Forschungszentrums Borstel
/jbul basierend auf dem FZB-Text
